Laudatio anlässlich des DRK-Kurzgeschichtenwettbewerbs „Rolf-Wilhelms-Preis 2006“

im Forum der Stadtsparkasse Hameln am 1.11.2006
Christoph Huppert

Sehr geehrte Damen und Herren,

Vorbemerkung:
Ich bin gebeten worden, die Laudatio auf die erste Preisträgerin des DRK-Kurzgeschichtenwettbewerbs, Frau Heide Floor aus Göttingen,  zu halten. Dem will ich gerne nachkommen. Allerdings wissen wir aus der griechischen Mythologie, dass, wenn nur eine von drei Damen eine Ehrung erfährt, das zu Folgen von ganz erheblichen Ausmaßen führen kann. Deshalb habe ich mich entschlossen, allen drei Preisträgerinnen einige würdigende Bemerkungen zu widmen.


Kalte Fischstäbchen, ich frage Sie, gibt es etwas Scheußlicheres als kalte Fischstäbchen? Fischstäbchen mit reichlich Ketchup, ein bewährtes Essen für Kindergeburtstage, heiß, am Stück und mit dicker knuspriger Panade, lecker. Aber kalt und zerstückelt im Altenheim - zum Abgewöhnen!

Das Bild der kalten Fischstäbchen, die der alte Mann im Seniorenwohnheim jeden Freitagmittag vorgesetzt bekommt, ist bei mir hängen geblieben.

Es ist ein Bild von vielen mit dem Heide Floor in ihrer Kurzgeschichte „Seitenwechsel“ das Aufeinandertreffen der Generationen abbildet. Der alte Mann und der Student/oder die Studentin, alt und jung, heute und gestern. Beide aber trennt mehr als nur die Zeit, beide trennt, ja,  auch  die Sprache. Worte wie „Krüppel“, „Altenheim“, „Siechenheim“, wollen wir heute gar nicht mehr in den Mund nehmen. Wir reden statt dessen beschönigend von „Senioren-Residenzen“, verkleistern mit reichlich Worttünche die nicht weg zu diskutierende wachsende Kluft zwischen alt und nutzlos und jung, dynamisch, erfolgreich, weil ökonomisch verwertbar. Da hilft auch nicht der Blick zurück in eine verklärte Vergangenheit, zurück in die Zeit der bäuerlichen Großfamilie der vorindustriellen Zeit mit ihrem Altenteil, das alles andere als Sozialromantik war. Knallharte Verträge regelten nämlich damals die Versorgung der aufs Altenteil Abgeschobenen. Was ihnen aber oft im Gegensatz zu heute blieb, das war die Würde.

Heute in unserer sich immer stärker beschleunigenden Zeit bestimmt vor allem die Angst vor Altersarmut die Diskussion, sicherlich, wir leben länger, körperlich, ja, doch was ist mit der Seele, der Würde, der menschlichen Qualität? Nun, sagen einige, auch das wird der Markt richten, reden von Senioren als Wirtschaftsfaktor, der Silberwirtschaft, die boome, (übrigens habe ich mir vor kurzem erst sagen lassen müssen dass ich mit meinen vierundfünfzig Jahren mittlerweile schon zur Zielgruppe der „jungen Alten“ gehöre), was aber ist mit denen, die aus welchen Gründen auch immer nicht mithalten können: alt, krank, arm, einsamen, debil und unnütz - eine Horrorvision? Droht zudem gar die bislang nicht in Frage gestellte Solidarität der Generationen zu zerbrechen? Droht uns um im zeitgemäßen Sprachstil zu bleiben, ein Senioren-Präkariat  von bislang unbekanntem Ausmaß?
Doch genug des Lamentos.

Trotzdem - all das geht einem durch den Kopf, liest man Heide Floors Geschichte, schaut mit ihr auf die deutsche Lichtgestalt, die ständig präsente Lichtgestalt Franz  Beckenbauer, dessen Allgegenwart nur von der penetranten Juvenilität eines nie älter werdenden Thomas Gottschalk übertroffen wird. Am Ende, zu dieser Einsicht muss man nach der Lektüre von Heide Floors Geschichte kommen, fahren wir alle doch nur fortwährend im Kreis, immer auf der Suche nach einem Parkplatz, einem Ruhepunkt für die Seele, einem Moment des Innehalten-Könnens, des Ausruhens, auch nach der Möglichkeit die verlorene Würde wieder gewinnen zu können. Sind wir doch dabei uns in der Hektik des Daseins zu verlieren? Keine neue Einsicht, ich zitiere Shakespeare: he who runneth fast stumbles -  oder wie meine Oma sagte, Junge, schnell und gut sind nie beieinand´.

Heide Floors Geschichte bleibt hängen, geht einem nicht mehr aus den Kopf. Die dreiundsechzig-jährige Göttingerin schreibt handfest, ohne Umschweife, mit sicherem Blick für die Dinge, gleichwohl unspektakulär, ja gelegentlich voll intensiver Beiläufigkeit. Die Autorin fotografiert (das merkt man am Text), liest, schreibt, war Tankwartin Fabrikarbeiterin, Schreibkraft, Angestellte, Sekretärin, Altenpflegerin, Tagesmutter - kennt mithin das Leben in vielen verschiedenen Fassetten, aus vielen verschiedenen Perspektiven. Und sie ist der Meinung, dass die Stimmung bei der Maueröffnung irgendwie mit der Euphorie der Fußballweltmeisterschaft zusammenhängt. --- Hierüber, liebe Frau Flor, sollten wir allerdings unbedingt noch einmal reden!

Heide Floors Kurzgeschichte „Seitenwechsel“ erhält beim DRK-Kurzgeschichten- Wettbewerb den ersten Preis. Meinen herzlichen Glückwunsch!

Menschlich zu handeln, sich gegenüber dem Menschen menschlich zu erleben, das ist das größte Abenteuer auf dass du dich einlassen kannst, so schrieb DRK-Urvater Henri Dunant.

Heide Floor wird diesem Anspruch ebenso gerecht, besteht dieses Abenteuer ebenso wie Simone Thiele, deren Kurzgeschichte "Suche nach Dir"  den zweiten Preis verliehen bekommen hat. Eine literarisch sehr dichte, nahezu – wenn es das gibt - lyrische Prosageschichte, voll Trennungsschmerz, Erinnerung und tiefen Einsichten. Heute, so schreibt Simone Thiele, heute ist nur die Suche nach gestern, und ein jedes das gestern nicht war, darf heute nicht sein. Solche Sätze, an denen es in der Geschichte nicht mangelt, muss man sacken lassen, sie klingen nach. Simone Thiele kommt zu Erkenntnis, dass sie neue Einblicke nicht für sich alleine gewinnen will. Der vom Verlust Bedrohte und gerade im Alter ist man ja fortwährend von Verlusten bedroht,  braucht  Wärme, Zuwendung, ja auch die Gemeinsamkeit der Träume, den Blick zum Himmel und - natürlich auch im Alter - auch Sehnsucht.
Liebe Frau Thiele, meinen herzlichen Glückwunsch zum zweiten Preis.

Der dritte Preis geht an Frau Dr. Uta Opel, in Hamburg geboren und in Bockenem lebend betreibt sie gemeinsam mit ihrem Mann eine Tierarztpraxis am Harz. Ihre robust formulierte Geschichte über die Begegnung zweier Menschen in Hamburg, eine Begegnung an deren Ende notgedrungen ein Abschied steht, nimmt sowohl durch die angewendeten sprachlichen Mitteln wie auch die Perspektive und das Thema gefangen. Ein reizvoller Gegensatz über die Infragestellung bürgerlicher Sicherheit, ein Gegensatz vor allem zur ganz nach innen gerichteten  Geschichte von Simone Thiele. Sie haben es bei der Lesung sicherlich bemerkt. Frau Opel, auch Ihnen herzlichen Glückwunsch zu der erhaltenen Auszeichnung.

Meine Damen und Herren, das bestimmende Motiv für jeden DRK-Aktiven ist Menschlichkeit und aus diesem Grunde hat der DRK-Ortsverein Hameln das Motto „Abenteuer Menschlichkeit“  zum Leitsatz für seine eigenen vielfältigen Tätigkeiten gewählt. Die  Preisträgerinnen des Rolf-Wilhelm-Preises in der Gattung Kurzgeschichte werden dem hohen Anspruch auf inhaltlich und sprachlich ganz unterschiedliche Art und Weise gerecht. Sicherlich hatte die Jury keine leichte Aufgabe unter den insgesamt neunundvierzig eingereichten Beiträgen auszuwählen. Doch kann festgehalten werden, dass sowohl die Belegung der ersten drei Plätze wie auch die Auswahl der zehn  Geschichten,  die in einer Anthologie veröffentlicht werden sollen, gelungen ist. Damit ist ein literarisches Menü zu Stande gekommen, dass an Schmackhaftigkeit sogar die von mir eingangs erwähnten, heiß geliebten Fischstäbchen bei weitem übertrifft. Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich wünsche Ihnen und uns also deshalb bei der Lektüre der Anthologie viel Freude und einen guten – literarischen - Appetit.

Herzlichen Dank.