Laudatio durch Christoph Huppert
Theater HM Studiobühne10.3.10 19.00 Uhr
Sehr geehrter Herr Bürgermeister Rohde,
liebe Frau Wilhelms,
liebe Autorinnen und Autoren,
sehr geehrte Damen und Herren,
Sie können sich gar nicht vorstellen, was ich durchgemacht habe. Statt eines beschaulichen Weihnachtsfestes und eines feucht-fröhlichen Rutsches in ein neues Jahr liegen Mord und Totschlag hinter mir. Noch nie in meinem Leben waren die Monate Dezember und Januar so bluttriefend. Da wurde gestochen, zerstückelt, gewürgt, erschossen, da stürzten sich die Selbstmörder – manche freilich erst nachdem sie leicht angeschubst worden waren – gleich reihenweise von diversen Brücken in die trüben Weserfluten; da wurde Gift gemischt, ja selbst von der altehrwürdigen Marktkirche purzelten zu Eis erstarrte Leichenteile hinab auf den Pferdemarkt. Und all das zwischen Weihnachten und Neujahr.
Aber ich bin halt selbst schuld, hatte ich doch eilfertig hier gerufen, als man mich bat, doch in der Jury des Rolf-Wilhelms-Literaturpreises mitzutun. Na ja, bei Kurzkrimis konnte ich als bekennender Krimifan nun mal nicht widerstehen. Wird schon nicht so schlimm werden, hatte ich mir eingeredet. Sind doch bloß Kurzkrimis, maximal fünf Schreibmaschinenseiten, dann ist der Fall geklärt.
Aber dann türmten sie sich vor mir auf, die knapp 80, ganz unterschiedlichen Fälle. Manche so verzwickt, so ausgeklügelt, dass einmal lesen nicht reichte. Immer und immer wieder mussten die Texte durchforstet werden. Einige faszinierten mich sofort, bei anderen trat erst nach wiederholter Lektüre ein Aha-Erlebnis ein, andere – ja auch das war der Fall – verweigerten sich Logik und Lösung gänzlich.
Wer schreibt den besten Weserbergland-Kurzkrimi? Das war die Ausgangsidee. Eine Idee, die bundesweite Resonanz gefunden und gezeigt hat – die gestrenge Obrigkeit wird das freuen – das man weit über die Grenzen der Region hinaus , zumindest in Autorenkreisen, durchaus eine Vorstellung davon hat, was unser Weserbergland so alles zu bieten hat. Zumindest in kriminalistischer Hinsicht. Hameln, so sagte mir unlängst der Preisträger dieses Wettbewerbs in einem Interview, Hameln stecke voller toller Tatorte.
Das Krimigenre ist vielfältig und hat eine faszinierende Geschichte. Von den Anfängen mit E.A. Poe und dessen „Doppelmord in der Rue Morgue“, 1841 veröffentlich, über unsterbliche Detektiv-Ikonen wie Conan Doyles Sherlock Holmes und Dr. Watson, die Schule der hartgesottenen US-Ermittler eines Dashiell Hammet und Raymond Chandler, die liebenswerte Miss Marple bis hin zu einer schier endlosen Zahl der TV-Kommissare von Columbo bis Schimanski. Ein Leben ohne Krimi – nicht nur für meine Generation undenkbar.
Mit der Beantwortung der Frage, was eigentlich einen guten Krimi ausmacht, sind ganze Bibliotheken gefüllt worden, haben sich Literaturwissenschaftler endlos gestritten, und auch die Jury des DRK Rolf-Wilhelms-Preises hat sich diese Frage gestellt. Eine allgemeingültige Antwort aber gibt es nicht. Jede Generation sieht das anders. Der eine mag´s im Miss Marple-Stil, der andere eher actionlastig.
Eigentlich gibt es nur eine elementare Voraussetzung für einen guten Krimi, so jedenfalls sagt es die Bestseller-Autorin Susanne Mischke, ein guter Krimi muss durch Spannung unterhalten. Andersherum gesagt: er darf nicht langweilen. Ich denke, damit ist zur Theorie des Krimis hier und heute erst einmal genug gesagt.
Die Wettbewerbsbeiträge sind lokal verankert, spielen in Hameln und im Weserbergland. So war die Vorgabe. Es sind Lokalkrimis. Und die erfreuen sich seit einigen Jahren wachsender Beliebtheit. Nicht New York, Chicago, Paris, Rom oder andere Metropolen sind Schauplätze, nein, auch in deutschen Kleinstädten treibt das Verbrechen überaus kreativ fantasievolle Blüten. In Bayern (wo sonst) fing´s an, in Köln, in der Eifel, in Hamburg ging´s weiter, dann endlich mit Susanne Mischke, Bodo Dringenberg, Egbert Osterwald, Cornelia Kuhnert und vielen anderen auch in der Region Hannover. Da war es doch einfach überfällig, auch einmal das idyllische Weserbergland ins kriminelle Rampenlicht zu tauchen. Und voilà – die Resonanz zeigt, dass das quantitativ wie auch qualitativ gelungen ist. Aus den Einsendungen aber jene 20 Geschichten, die in der Anthologie veröffentlicht werden sollten, herauszufinden, das wiederum war eine Geschichte, die ihrerseits nicht ohne Spannung war. Doch es ist geschafft, die unterschiedlichsten Auffassungen und Geschmäcker sind – weitestgehend - auf einen Nenner gebracht. Die drei ersten Geschichten durchaus mit Einmütigkeit aufs Podest gehoben, wohl wissend, dass auch andere Kurzkrimis das Zeug dazu gehabt hätten. Von Platz vier bis 20 gilt: Reihenfolge ist nicht Rangfolge, wie auch bei so gänzlich unterschiedlichen Produkten.
„Der ist tot!“, stellt Martin Feister nüchtern fest. „Mausetot“, bestätigt Polizeiobermeister Horst Tennberger. So beginnt Nicole Mahnes Kurzkrimi und der Titel verrät uns, dass es sich um eine größere Sache handelt. Im Fokus die Ermittler und deren Psychologie, Beamte, die sehr menschlich rüberkommen, die sich in dem, was sie sagen, selbst charakterisieren, eine Geschichte, die auf Zwischentöne setzt, und die, mehr sei nicht verraten, einer größeren Sache auf die Spur kommt.
Dr. Nicole Mahne entkräftet das Vorurteil, dass studierte Germanisten so wie Eunuchen zwar wüssten wie´s geht, es aber dennoch nicht könnten. Die promovierte Mutter einer Tochter aus Bielefeld zeigt, dass auch kühl denkende Wissenschaftler ihre Fantasie an psychologisch fein strukturierten, ausgetüftelten Krimiplots erhitzen können. Dritter Platz beim Rolf-Wilhelms-Literaturpreis deshalb für Nicole Mahnes „Eine größere Sache“ – Frau Dr. Mahne, ganz herzlichen Glückwunsch.
Lesung Mahne
Von Bielefeld geht´s weiter nach Köln, der bundesdeutschen Medienhauptstadt. Dort arbeiten offenbar nicht nur einige Mitarbeiter von Baufirmen auf eigene Rechnung, sondern dort bringt auch Stefan Proba das Vorurteil zum Einsturz, dass es im Weserbergland beschaulich zugeht. Seine Story „Auf eigene Rechnung“, die sich nicht um Unregelmäßigkeiten bei irgendwelchen Bauunternehmungen dreht – keine Angst Herr Bürgermeister – ist actiongeladen, hat „drive“ und dürfte so ganz nach dem Geschmack vor allem jüngerer Leser und Leserinnen sein. Was da bei der Lektüre an Bildern im Kopf abläuft, das schreit nach geradezu Verfilmung. Wer weiß, vielleicht gibt´s ja auch mal einen Tatort in Hameln.
Auf eigene Rechnung arbeitet auch der aus Bamberg stammende wie gesagt in Köln lebende Autor. Er ist freiberuflicher Lektor. Dass der statt stiller Schreibtischarbeit mal so richtig die Sau rauslassen wollte, das spürt man seiner Geschichte an. Platz Zwei im Wettbewerb um den besten Weserberglandkurzkrimi für Stefan Proba aus Köln. Herzlichen Glückwunsch.
Lesung Stefan Proba
(Während des Applauses geht Marie auf ihren Platz, blickt als sich der Applaus legt provozierend ins Publikum und ruft laut und frech:
„Na toll, Weserberglandkrimi, echt geil. Davon krieg ich auch keinen Praktikumsplatz. Wird Zeit, dass ich denen mal Feuer unterm Hintern mache, aber RatzFatz, versteh´n se, RatzFatz“
Blickt in meine Richtung und sagt: Ok, mach weiter!
Setz sich auf den Würfel, klappt Laptop auf und tippt wild rum, kaut natürlich Kaugummi)
Ja, meine Damen und Herren, damit sind wir auch schon mittendrin in der Siegergeschichte. Die kommt ohne Blut, ohne Mord und mit einer ganz anderen Art von Gewalt aus.
Marie schreit: RatzFatz.
RatzFatz, so heißt die Geschichte, die sich der in Arnum bei Hannover lebende Autor Günter von Lonski ausgedacht hat. Damit hat er es bei der Jury gleich im ersten Zugriff – quasi RatzFatz - auf Platz eins gebracht.
Von Lonski führt etwas ins Krimigenre ein, das dort überaus selten anzutreffen ist. Humor und Ironie. Er ist ein Meister der Zwischentöne, des Hintergründigen. Und – das finde ich besonders sympathisch - er nimmt sich und seine Welt nicht all zu ernst. Am liebste würde er wahrscheinlich wie sein Alter Ego der Ermittler Ludger Lage, in einem Wohnwagen am Arnumer See hausen. Bei diesem von Lonski weiß man nie, ob es sich um einen Moment höchster Dramatik handelt, wenn der Killer mit der Waffe auf einen zielt oder sich die Pistole im nächsten Augenblick nur als Jahrmarktspielzeug entpuppt.
Eine allerdings die ist echt...
Marie schreit: Laber laber label, nun mach mal hinne Mann,aber RatzFatz.
Die nämlich. Die ist die Hauptperson ...
Marie: Bin ich, hundert pro, davon kannste mal ausgehn.
Die Hauptperson von Günter von Lonskis Geschichte RatzFatz. Und die, die steht heute auf Platz eins. Und deshalb werden sie sie gleich hören. Meine Damen und Herren, herzlichen Dank für Ihr Interesse und herzlichen Glückwunsch an Günter von Lonski.
Weiter im Programm mit Lesung von RatzFatz.
Laudatio von Christoph Huppert
Bad Münder / Hameln, den 10.3.2010


